Samstag, 23. februar 2008

Auch im eSportjahr 2008 ließen die ersten Schlagzeilen in der deutschen Szene nicht lange auf sich warten. Zum ersten mal in der Geschichte des eSports ging ein Spieler gerichtlich gegen eine verhängte Cheatsperre in einer Liga vor. Die Umstände und das Ergebnis der Verhandlung füllten wochenlang die Content-Spalten der Newsseiten und dürften noch im Bewusstsein der Szene geblieben sein und sollen deshalb nur kurz umrissen werden.

Der Cheatvorfall XektoRs zeichnete nur das Ende einer fulminanten EAS-Saison, die viel Aufruhr und Diskussionen mit sich brachte. Neben XektoR wurden mit oxl vom Team blank und Sence von den sharKz ganze drei Akteure während der laufenden EAS-Saison vom Spielbetrieb ausgeschlossen. Bemerkenswert und von vielen angeprangert, handelte es sich bei diesen Verurteilungen um sogenannte Timetable-Sperren. Das Anti-Cheat Programm Aequitas hatte bei keinem der Spielern Verdachtsmomente entdeckt, sodass man auf die Erfahrung und Kompetenz des Anti-Cheat Teams zurückgreifen musste. Obwohl die ESL erst vor kurzem eben dieses Reformen unterzogen hatte, bleibt die Unzufriedenheit der direkt oder indirekt Betroffenen groß – immer wieder werden Vorwürfe laut das AC-Team wäre unfähig und würde ihre Aufgabe nicht pflichtgemäß erfüllen. An dieser Stelle soll nicht die Kompetenz, die Struktur und die Wirksamkeit der Anti-Cheat Standards dargestellt oder hinterfragt werden, es soll auch nicht geklärt oder spekuliert werden, ob die Spieler tatsächlich gecheatet haben, vielmehr richtet sich dieser Blick auf die weit entwickelte (?) Infrastruktur des deutschen eSports sowie die Vor- und Nachteile die mit jener - aus sportlicher Sicht -einhergehen.

Ganz nach dem deutschen Charakter steht eSportfans schon seit Jahren eine hochentwickelte und straff organisierte Liga zur Verfügung, in denen sowohl qualitativ als auch quantitativ hochwertige Wettkämpfe angeboten werden. Mit möglichen Preisgeldern und einer hohen Anzahl von Spielern ausgestattet, bieten sich ausgezeichnete Möglichkeiten für die Entwicklung des elektronischen Sports in Deutschland und so ist es nicht verwunderlich, dass andere europäische Länder den Blick auf uns richten und die ESL abermals Lob für ihre Organisation erntet. 

Logische Konsequenzen müssten sich vor allem in sportlicher Hinsicht in der Überlegenheit deutscher Teams im internationalen Vergleich äußern, doch wie die jüngsten Events (u.a. auch die NGL ONE Finals) oder auch die gesamte Durststrecke der letzten Jahre belegt, reichte es für kein deutsches Team zum Durchbruch. Woran kann das liegen? Sind deutsche CS Spieler etwa zu untalentiert? Nehmen sie eSport nicht Ernst genug? Sicherlich ist das mäßige internationale Abschneiden nicht monokausal zu erklären. So leben Spieler wie jene von fnatic allein vom eSport und haben keine beruflichen Verpflichtungen, die Trainingskultur ist eine andere. Aber sollte dies nicht durch die ausgeprägte Infrastruktur in Deutschland und auch die mittlerweile üblichen Bootcamps vor großen Events kompensiert sein? Kann der Grund für das schlechte Abschneiden paradoxerweise bei den - objektiv betrachtet - guten Trainingsmöglichkeiten durch die ESL liegen? Werden Talente in dieser Art der Ligenstruktur (die nebenbei die gesamte Struktur des deutschen eSport (mit-)bestimmt) nicht gefördert?

undefined Prinzipiell ist es jedem Spieler in der ESL möglich in die obersten Ligen aufzusteigen. Eingefahrene Vereins- und Ligenstrukturen findet man selten, der Einsatz finanzieller Mittel ist ebenfalls nur gering. In der Theorie ein leichter Weg nach oben, solange man das nötige Talent hat - aber wie sieht es in der Praxis aus? Schaffen es die besten Spieler wirklich in entsprechende Teams oder in die EPS? Oder gibt es trotz des Fehlens von organisatorischen Barrieren unsichtbare, sozial fundierte, Mauern?

Mit der Professionalisierung des eSports ging bedauerlicherweise auch die Entwicklung jener Technologien einher, die es erlauben mit geringem Einsatz große Erfolg einzuheimsen. Cheating ist und ein bleibt ein präsentes Thema, mit denen nahezu jeder Sport zu kämpfen hat. Viel schlimmer als das Cheating an sich ist aber die Konsequenz dessen: Misstrauen. Dass eben dieses vor allem in der CS-Szene präsent ist, hat sich schon zur Genüge gezeigt. Leistungen von Spielern werden zunächst in Frage gestellt, echte "Beweise" gefordert und ganz am Schluss steht dann die Anerkennung. Bis dahin ist es ein weiter Weg, denn nur selten ist es möglich einen schlechten Ruf los zu werden oder sich konstant zu beweisen. Bis Spieler wie gerdi und seine Teammates in der EPS angekommen also im engeren Sinne akzeptiert waren, hat es einige Seasons gedauert. Nur selten kann man der stattfindenen Hetze mit kontinuierlichen Leistungen trotzen. 

Die Angst vor Talenten ist vor allem aus der Sicht der Etablierten präsent und das Fundament der unsichtbaren EPS-Mauer. Den Teammanagern der EPS fehlt es zudem oft an Beurteilungskompetenz - sie stellen keine Teams auf, sondern delegieren die Entscheidungsbefugnis an einzelne Spieler, die wiederum lieber auf alte Teammates zurückgreífen, mit denen sie Erfahrungen sammeln konnten oder sich aus dem engen Pool der Ehemaligen bedienen. Nicht zuletzt ist darin ein Sicherheitsdenken zu erkennen - die meisten EPS-Spieler können und wollen sich nicht mit der EAS auseinandersetzen. Jene ist nämlich viel zu weit weg von ihrem Tagesgeschehen, Schnittstellen bieten maximal die Qualifkationsturniere des ESWCs oder nächtliche Cups.

Damit erscheint das System der ESL plötzlich eingefahrener als man zunächst vermuten könnte – nicht umsonst macht sich das Gefühl breit, dass in der EPS immer die selben Spieler in anderen Kombinationen als Akteure auftreten. Selbst Spieler, die jahrelang ein Team nach dem anderen zum Direktabstieg oder zur Relegation „geführt“ haben, sind nach wie vor bevorzugte Wahl bei der Teamaufstellung. Schließlich haben sie die Erfahrung und eine Art bewährte Qualität. Risikoscheue könnte man es nennen, vielleicht aber auch die Faulheit Talente zu erkennen, in einem langwierigen Prozess zu entwickeln. Schneller Erfolg und Sicherheit sind in einer solch jungen und schnellwachsenden Szenen scheinbar die wichtigsten Werte.

Welche Rolle spielt aber die ESL mit ihren Strukturen in diesem Kontext? Die EPS ist nach wie vor die höchste Liga und bekommt dementsprechend am meisten Aufmerksamkeit, während die EAS weit hinterherdümpelt und nur unter Szenekennern als interessant angesehen wird. Dementsprechend können sich bereits etablierte Clans es sich kaum leisten mit ihren Teams in Ligen vertreten zu sein, die nur wenig Aufmerksamkeit bekommen. Schließlich müssen sie ihre Sponsoren bei Laune halten, um im ständigen Kampf um Ressourcen zu überleben. Eine breitere Aufmerksamkeit für die EAS-Teams würde wohl helfen um Misstrauen gegenüber unbekannten Spielern abzubauen und auch erfahrenen EPS-Veteranen zu zeigen, dass auch außerhalb ihrer elitären Gemeinschaft durchaus Talente vorhanden sind.

Die Existenz einer so gut organisierten Online-Liga wie der ESL, stellt zudem auch eine Bedrohung von LAN-Partys dar – wieso sollte man schließlich den Aufwand in Kauf nehmen und LANs besuchen, wenn man in der deutschen Szene eigentlich nur online etwas „erreichen“ kann. Für jeden ambitionierten eSportler führt hierzulande also kein Weg an der ESL vorbei. Auch, wenn diese viele Vorteile bringt und eSport der Masse zugänglicher macht – die Strukturen scheinen zu eingfahren zu sein, um wirklich den besten Spieler Erfolg zu ermöglichen. Schließlich würde auch die EPS von einer höheren Qualität und Abwechslung profitieren, wenn nur ein wenig mehr Konkurrenz auf dem Spielermarkt wäre. Ein Blick auf die schwedische Szene zeigt, dass ein Fehlen von ausgeprägten Online-Ligen die Entdeckung neuer Talente fördern kann. Das Misstrauen ist wesentlicher geringer, Leistungen werden schneller anerkannt und auch Spieler, die noch keine internationale Erfahrung haben, finden sich plötzlich in Top-Teams wieder.

Beispiele wie das neue Team von mTw oder auch blizker von Competo zeigen, dass ein Bedarf nach neuen Talenten besteht und diese Konzepte durchaus zu Erfolg führen können (auch, wenn mTw im Anfangsstadium dieser Bemühungen ist und deshalb noch nicht eindeutig bewertet werden kann). Hindernisse sind zumeist das große dahinterstehende Risiko und um das abzubauen hat die ESL immernoch die geeignetesten Instrumente.

Eines dieser denkbaren Instrumente, wäre die Verbindung von EAS und EPS in einer Art Pokal oder Invite-Turnieren.Allein der Kontakt zwischen verschiedenen Spielern und das wiederholte Antreten gegeneinander eignet sich schon zum Abbau von Vorurteilen und Misstrauen und rückt die Namen der unbekannten Spieler nicht nur in das Bewusstsein von Konkurrenz, sondern auch von Publikum. Nicht zuletzt besitzt die ESL mit ihrer TV-Plattform eine zusätzliche Möglichkeit um die EAS in das Bewusstsein der Fans zu rücken. Angesichts einer solchen Aufmerksamkeit wäre es auch denkbar, dass weitere Spieler die Ambitionen entwickeln oben mitzuspielen – eben weil der Weg an die Spitze für jeden möglich wird bzw. potenzielle Teams schneller und einfacher auf einen aufmerksam werden können.

Es liegt also in der Hand aber auch im Sinne der ESL ihre Strukturen zu reformieren und ihren Fokus zu erweitern. Es mag ohnehin paradox klingen, dass in einer solch innovativen Branche wie dem eSport, gleichzeitig derart traditionelle Strukturen existieren.

von deusex
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