Montag, 3. märz 2008

Vorab: Dieser Artikel versucht vor allem zu erklären, welche Herausforderungen für „readmore“ und „fragster“ in nächster Zeit relevant sein werden. Es werden vor allem Spekulationen und Szenarien dargestellt, die die zukünftige Entwicklung im Bereich der eSport-Berichterstattung beeinflussen könnten. Es wird keineswegs gesagt, dass die Szenarien so eintreten

müssen. Lange gab es im deutschsprachigen eSport praktisch nur eine Anlaufstelle für (Clan-) unabhängige Neuigkeiten: das Portal „readmore.de“, welches durch schnelle, serlöse und vor allem unabhängige Berichterstattung die Gunst der Leser erwarb. Nachdem das ehemals größte eSport Community-Portal „mymTw.de“ zu „rushed“ wurde und sich damit vom Clan trennte, um unabhängig vom

undefined täglichen Geschehen im eSport zu berichten, spaltete sich eine Gruppe der Redaktion ab um eben dieses neues Projekt aufzuziehen und fortan beständig weiter zu entwickeln. Während rushed mit sinkenden aktiven Mitgliederzahlen zu kämpfen hatte und sich wenig später zu mymTw zurückentwickelte, gelang readmore immer weiter die Professionalisierung und Etablierung im News-Markt. Einige Auszeichnungen und neue Features später, sind wir Zeugen einer fundamentalen Entwicklung im Bereich der Berichterstattung. Mit dem gestern eröffneten Portal „fragster.de“ hat readmore nun Konkurrenz, und potenzielle Leser damit eine Alternative bekommen. Doch wie wird sich die Konkurrenz auf die Qualität oder sogar das Überleben der beiden Portale auswirken? Diese zentralen Fragen sollen im Folgenden erörtert werden.

Konkurrenz belebt das Geschäft?

Die erste Frage ist unweigerlich damit verbunden, ob readmore und fragster überhaupt miteinander in Konkurrenz stehen. Tatsächlich wird jetzt schon von vielen argumentiert, dass die beiden Portale unterschiedlichen Geschäftsmodellen zugrunde liegen und damit gar keiner Konkurrenz ausgesetzt sind. Während fragster zur Zeit mit ausführlichen und tiefergehenden Artikeln assoziiert wird, bringt man readmore mit dem schnellen Zugriff auf explizites Wissen in Verbindung.

undefined So wie eben eine Person eine Tageszeitung aber auch gleichzeitig Magazine wie den Spiegel o.ä. konsumieren kann, ließen sich also auch readmore und fragster voneinander trennen. Aber ist das wirklich so? Kann sich im eSport eine Seite überhaupt differenzieren und wenn ja: wie? Sehen wir uns zunächst einmal readmore an: die Seite ermöglicht den Zugang zu aktuellen Ergebnissen aus CS, WC3, CSS, FIFA, Quake IV und Starcraft Events, über Bilder, Coverages, Demos und einer nicht unerheblichen Community-Funktion. Fragster.de bietet ein ähnliches Profil und kann sich auch über die Anzahl der veröffentlichten Kolumnen nicht eindeutig von readmore abgrenzen. Das Differenzierungsmerkmal ist in diesem Fall also nicht die Art und Weise der Berichterstattung, sondern die Spiele, die umfasst werden. Im Kernmarkt CS und WC3 besitzen readmore und fragster also die gleiche Zielgruppe und es ist durchaus von Redundanz auszugehen. Auch im Hinblick auf Opportunitätskosten muss sich der Leser entscheiden: Nur, weil es zwei Portale gibt, wird er nicht doppelt so viel Zeit für das Lesen zu Verfügung haben. Die Zeit, die er also bei readmore verbringt, geht ihm bei fragster verloren.

Natürlich ist davon auszugehen, dass in den ersten Wochen (vielleicht Monaten) etwas mehr im Internet gestöbert wird als vorher, aber dauerhaft wird sich der zeitliche Rahmen nicht verändern. Im Moment gilt das aber nur für diejenigen User, die an CS und/oder WC3 interessiert sind. Der Kuchen mag durch fragsters Innovation (?) eventuell größer werden, da eventuell die Zielgruppe vergrößert wird, aber die einzelnen Stücke werden langfristig kleiner.

Isomorphismus

Isomorphismus bezeichnet die Angleichung von Organisationen aufgrund verschiedener Anreize. Der Wichtigste soll hier erläutert werden.

Der mimetische Isomorphismus drückt sich in der Imitation erfolgreicher Modelle aus. Wenn z.B. Unternehmen ein bestimmtes Management-, Produktions-, Marketingkonzept erfolgreich anwendet, liegt für Konkurrenten oder einfach andere Organisationen die Option nahe das Konzept zu kopieren. Im Falle von fragster und readmore ist dies sogar noch einfacher als bei den zumeist schwierig kopierbaren Produktionskonzepten o.ä., denn fast alles, was die eine Seite erfolgreich macht, ist für die andere sichtbar. Die Community-Funktion ermöglicht sogar eine regelrechte Marktforschung ohne größere Kosten. Es ist also davon auszugehen, dass erfolgreiche fragster-Innovationen, von readmore mit der Zeit übernommen und implementiert werden (gilt natürlich beidseitig). Auf den zwangsweisen Isomorphismus (Angleichung durch Gesetze) und den eng mit der Professionalisierung zusammenhängenden normativen Isomorphismus, will ich an dieser Stelle nicht ausführlicher eingehen, da diese im konkreten Fall belanglos sind.

Fazit: Auch, wenn fragster und readmore weder inhaltlich noch konzeptionell deckungsgleich sind und es wohl auch nie 100%ig sein werden, besteht langfristig dennoch die Gefahr, dass eine Angleichung stattfinden wird. Wie bereits erläutert, befinden sich readmore und fragster jetzt schon in Teilbereichen im gleichen Markt, sie sprechen die gleiche Zielgruppe an und bieten ähnliche Funktionen auf der Website. Wie können also beide Seiten überleben?

Die Attraktivität des Marktes?

Ob und wie attraktiv ein Markt ist, hängt je nach Ausprägung des Geschäftsmodells von fünf mehr oder weniger wichtigen Faktoren ab. An dieser Stelle sollen nur die relevanten erläutert, aber alle zumindest genannt werden.

Ein Markt ist umso attraktiver, je kleiner (1.) die Zahl der unmittelbaren Wettbewerber ist, je geringer (2.) aufgrund hoher Markteintrittsbarrieren die Gefahr des Eintritts neuer Wettbewerber ist, je kleiner (3.) die Bedrohung durch Substitutionsprodukte ist, je größer (4.) die Zahl der Lieferanten und (5.) Kunden ist.

Auf dem ersten Blick erscheint der Markt der eSport Berichterstattung nicht einmal unattraktiv: Es gibt wenige unmittelbare Wettbewerber (Achtung: deutschsprachiger Markt!), relativ hohe Markteintrittsbarrieren, da vor allem die Entwicklung und Aufrechterhaltung einer professionellen Berichterstattung viele (vor allem zeitliche) Ressourcen verschlingt, sowie eine nennenswerte Anzahl von potenziellen Kunden. Wie sieht es aber mit Substitutionsprodukten also Produkten aus, die die gleiche Funktion erfüllen wie das eigene Produkt? Wie bereits erläutert, besteht die Gefahr, dass fragster und readmore vor allem langfristig die gleiche Funktion erfüllen werden. Derzeit ist der Markt attraktiv aber, ob er es auch bleiben wird, hängt wesentlich davon ab, ob die beiden Portale eine Angleichung verhindern können.

Vielen werden von den Marktstrukturen Parallelen mit dem Tageszeitungsmarkt oder allgemein dem Informationsmarkt auffallen. An dieser Stelle sei gesagt, dass Tageszeitungen vor allem durch den Fokus auf bestimmte Bereiche aber auch nicht zuletzt durch politische Orientierungen differenziert werden können. Der Fokus einer Tageszeitung auf Themen der Wirtschaft als Beispiel erfordert ein gewisses Maß an vorhandenen Kompetenzen, die nicht so einfach kopiert werden können. Gleichzeitig erfassen Tageszeitungen auch wesentlich mehr Informationsbereiche, was überhaupt einen Fokus möglich macht. In der eSport-Berichterstattung ist dieser Bereich aber sehr begrenzt, da nur bestimmte Formen von Informationen relevant für diese Leser sind.

Aus der Marktsicht ist es derzeit schwer zu sagen, ob beide Portale überleben können, es wird primär darum gehen, ob die Ressourcen der beiden Seiten komplementär sind.

Der ressourcenbasierte Ansatz

In der Betriebswirtschaft hat sich neben dem oben besprochenen „market-based view“ von Porter eine alternative Sicht etabliert: Der ressourcenbasierte Ansatz. In aller Kürze sagt diese Sichtweise aus, dass Organisationen trotz geringer Marktattraktivität im Markt bestehen können.

Gehen wir also davon aus, dass die Attraktivität des Marktes aus den oben genannten Gründen sinken wird, ließe sich über das Vorhandensein strategischer Ressourcen die Existenz der Portale sichern.

undefined Die Ressourcen müssen der Theorie nach die VRIN-Kritierien erfüllen, also valueable (wertvoll), rare (selten), inimitable (nicht imitibierbar) und non-subsitutable (nicht ersetzbar) sein. Im Klartext heißt es, dass das Überleben der Seiten stark davon abhängt, ob einzigartige Ressourcen vorhanden sind. Als Beispiel ließe sich die neue Demodatenbank von readmore anführen, die sowohl wertvoll, selten als auch nicht ersetzbar ist. Da auch die Imitation nicht allzu einfach ist, bietet sie mittelfristig eine Existenzgrundlage für readmore.

Andere Ressourcen, die auf diese Kriterien prüfbar wären, sind z.B. die Community-Funktionen, die Qualität und Quantität der Artikel sowie der Mitarbeiter usw.. Schnell wird jedoch deutlich, dass diese Funktionen zwar wertvoll sind aber auch recht einfach zu imitieren. Auch, wenn die Qualität der Artikel stark abhängig von der Qualität der Mitarbeiter ist, kann sich durch andere Kriterien durchaus wettgemacht werden. So muss man sich fragen, wie bei mymTw in Kritik geratene Redakteure nun durch das neue fragster-Image in der Gunst der Leser plötzlich weiter oben stehen. Hat sich die Qualität ihrer Beiträge verbessert oder ist es tatsächlich das Image, welches die subjektive Wahrnehmung verändert? Dies bringt uns bereits zur ersten wirklich strategischen Ressource: Die Reputation der Seite. Dieses Ressource erfüllt tatsächlich alle vier Kriterien, ist demnach erfolgskritisch und hängt wohlmöglich gar nicht so sehr von der Qualität wie von der Vermarktung des Produktes ab.

Die Herausforderung für „fragster“ und „readmore“ wird also in nächster Zeit die Identifizierung, die Förderung oder gegebenenfalls der Aufbau solcher Ressourcen sein. Das bedeutet für beide Seiten nicht direkt aufzugeben, wenn die Userzahlen sinken, sondern durch Innovation den Wettbewerb mit zu gestalten.

Fazit

Beide Seiten können also koexistieren, wenn der Wille da ist. Die Gefahr von eSporttypischen Resignationseffekten ist dennoch vorhanden, sodass Wettbewerb wie im Falle von „rushed vs. readmore“ auch destruktiv wirken und die Qualität der einzelnen beeinträchtigen kann. In einem so schnelllebigen Geschäft, in dem ein Redakteur ohne große Umstellung an einem anderen Projekt mitwirken kann, fehlt es zu oft am Willen, um bei sinkenden Userzahlen den schwierigen Weg der Innovation zu gehen. Sollte es den beiden Portalen jedoch gelingen einzigartige Ressourcen zu entwickeln, so kann sich der Leser auf eine Koexistenz der beiden Plattformen und dadurch auch auf erhöhte Qualität der beiden Plattformen freuen.

von deusex
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